Wer den Charakter Frieslands verstehen will, muss in das Städtchen Sneek reisen und dieses dunkle Elixier probieren. Weduwe Joustra ist weit mehr als eine Marke; es ist flüssiges Kulturgut der Niederlande. Wenn der Wind über die flachen Polder pfeift und die Kanäle zufrieren, ist dieser Kräuterbitter (Beerenburg) die erste Wahl der Einheimischen. Hinter dem Namen steht eine bemerkenswerte Frau: Anjenette Joustra, die im Jahr 1864 Geschichte schrieb.
Der Name "Weduwe" bedeutet schlicht "Witwe". Als Anjenettes Ehemann starb, stand sie nicht nur vor dem Nichts, sondern auch vor der Herausforderung, ihre Familie zu ernähren. Statt aufzugeben, übernahm sie das Ruder. Sie nutzte die Kontakte ihres verstorbenen Mannes und begründete unter ihrem Namen ("Weduwe Joustra") eine der ältesten und bekanntesten Destillerien des Landes. Sie bewies, dass Qualität und Durchsetzungsvermögen keine Frage des Geschlechts sind – eine Pionierleistung im 19. Jahrhundert.
Interessanterweise ist der Namensgeber der Spirituosen-Kategorie gar kein Friese. Die Kräutermischung stammt ursprünglich von Hendrik Beerenburg, einem Apotheker aus Amsterdam. Doch erst die Witwe Joustra in Sneek verstand es meisterhaft, diese Kräuterpackungen ("Kruidenpakketjes") mit dem lokalen friesischen Jenever zu vermählen. Während Hendrik die Zutaten lieferte, machte Anjenette daraus den Jenever. Bis heute ist Weduwe Joustra einer der wenigen Hersteller, der sich streng an das Originalrezept hält und den Namen "Oprechte" (Aufrichtige) tragen darf.
Beerenburg wird nicht destilliert wie ein Gin, er entsteht durch Mazeration. Ein milder, reiner Jenever dient als Leinwand. In diesen Alkohol werden die Kräuterpakete eingelegt. Über einen Zeitraum von vier Wochen ruht die Mischung bei Zimmertemperatur. In dieser Zeit zieht der Alkohol langsam die Essenzen, Öle und Farbstoffe aus den Wurzeln, Samen und Blättern. Es ist ein sanfter, natürlicher Vorgang ohne künstliche Beschleunigung.
In Friesland gibt es klare Regeln, wie man den Beerenburg serviert. Klassisch wird er bei Zimmertemperatur aus einem tulpenförmigen Glas genippt ("Kopstootje" oft in Kombination mit Bier). An kalten Tagen ist er die Basis für den friesischen Kaffee "Dokkumer Kaffi": Heisser, starker Kaffee, ein grosszügiger Schuss Beerenburg und eine Haube aus ungesüsster Sahne.
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